Beiträge vom August, 2014

Verschlossene Welt

Mittwoch, 20. August 2014 10:36

“Andere Welt” hat die Filmemacherin Christa Pfafferott ihren inzwischen preisgekrönten Dokumentarfilm über Frauen in der forensischen Psychiatrie überschrieben. Die Autorin beobachtet psychisch erkrankte Straftäterinnen und deren Pflegerinnen. So bezeichnen diese sich selber - wahrlich ein Euphemismus.

Es ist ein spannendes Verhältnis und eine Menge Anspannung steckt auch drin im Verhältnis derer, die als erkrankte Täterinnen hinter einer Gittertür in ihrer Zelle eingesperrt sind und jenen, die sich zwar frei bewegen können, aber dennoch auch in einem Sicherheitstrakt eingesperrt sind, während sie ihre Aufgaben erledigen. Hinter Gittern sind sie beide. Von einer Vielzahl Kameras der Station auf Schritt und Tritt beobachtet. Und dann kommt noch die Filmkamera der Autorin hinzu.

Die Autorin Christa Pfafferott geht der Frage nach, wer auf beiden Seiten der Gittertür welche Macht hat und wie die Frauen ihre Macht nutzen, ausnutzen, ausleben, austarieren. Was bedeutet es, eingesperrt zu sein? Es sind ruhige Beobachtungen der Kamerafrau Eva Katharina Bühler. Schöne Einstellungen, mitunter zu schön. Kein Off-Kommentar stört manche wortlose Szene. Das schafft Nähe, zuweilen unerträglich.

Auch wenn einige Fragen nicht gestellt wurden oder Fragen offen bleiben (müssen), ist ein sehr sensibler Film entstanden, der die Frauen sehr ernst nimmt und lohnt gesehen zu werden. Denn er offenbart nicht nur juristische Fragwürdigkeiten, denen die psychisch erkrankten Täterinnen ausgesetzt sind, sondern gibt der Zivilgesellschaft einen kurzen Moment in eine verschlossene Welt.

Zu Recht erhielt Christa Pfafferott für diesen Dokumentarfilm vom Journalistinnenbund den Marlies-Hesse-Nachwuchspreis 2014 verliehen.

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Nicht müde

Sonntag, 10. August 2014 11:27

Sonntagmorgen, kurz nach 7 Uhr. Die Temperaturen hatten sich in der Nacht auf angenehme 24 Grad Celsius heruntergekühlt. Gute Voraussetzungen für eine Runde Sport im Friedrichshain. Doch der wimmelte bereits vor joggenden, gehlaufenden, nordicwalkenden und gassiführenden Menschen. Hightech an Oberarmen und Handgelenken, klack-klack röhren die Stöcke, eine Skaterin zieht einsam ihre Bahnen. Ein italienisches Pärchen lässt sich extra beim Sport fotografieren.

Fesch anzusehen, all die Kopfhörer tragenden Frühmenschen in farbenfrohen Sporthosen und -shirts auf der Piste. Geschätztes Durchschnittsalter - ab 50 aufwärts. Generation „Silber“ ist noch lange nicht müde - und diszipliniert allemal, auch sonntags ab 7 Uhr im Friedrichshain.

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Raumgreifend

Freitag, 8. August 2014 12:42

Es ist wahrlich kein männlicher Vorzug: Auch Frauen brauchen viel Platz in der S-Bahn. Bloß nicht die Mitreisenden auf die Idee bringen, sich auch setzen zu wollen. Bei diesen Hochsommertemperaturen könnten die ja eine kleine Verschnaufpause auf dem Nachbarsitz verbringen wollen. Oder gar gegenüber. Dann müsste man ihnen ja vielleicht ein kleines Lächeln schenken oder sich frontal anschauen lassen… Und wenn die vielleicht noch die Zeitung aufschlagen, um sich der Vormittagslektüre zu widmen, dann wird’s ja ganz eng.

Also, Abwehrstrategie anwenden: Den Po auf dem Polster im vorderen Drittel platzieren, die ohnehin nicht gazellenschlanken Schenkel und Beine weit nach vorne schieben, Ethnotasche darauf drapieren, dunkle Piloten-Sonnenbrille auf die Nase, damit niemand abschätzen kann, ob Frau-rühr-mich-nicht-an schläft. Dann noch die handtellergroßen Kopfhörer über die Ohren schieben und schön locker und raumgreifend abhängen.

Viele Ringbahn-Stationen bleibt der Platz leer - bis endlich ein mutiger Mann den Versuch startet, seine Beine vorsichtig in die Bankreihe zu setzen und mehr als kerzengerade geradeso zum Sitzen zu kommen.

Den mürrischen Was-willst-du-denn-Blick der jungen Frau hat er gratis.

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Überflieger

Freitag, 8. August 2014 8:39

„Irgendwas mit Drohne!“ Der Satz könnte demnächst die Phrase „Irgendwas mit Medien“ ablösen. Denn im TV-Journalismus greift um sich, das einstige Kriegsgerät Drohne als Friedenskamera einzusetzen.

Keine Doku über die Fußball-WM 2014, in der nicht die Perspektive überm Zuckerhut erfasst worden wäre. Gefühlt jeder Bericht im Regionalfernsehen, der mindestens die Dorfkirche im Überflug erfasst. Oder der Krabbelkistenkaufrausch im Konsumtempel, der unbedingt auch mal vom Drohnenteam dokumentiert werden muss.

Zugegeben: Wer gerne im Flugzeug unterwegs ist und einen Fensterplatz ergattert hat, dem ist die kurze Draufsicht auf die Welt immer etwas Ergreifendes. Manche Perspektive ist grandios. Weltanschauung mit berauschenden Bildern. Unwegsames Gelände ist so auch herzeigbar. Doch ab und an darf man auch mal innehalten und fragen, ob der Zweck die Mittel heiligt?

Ein Überflieger ist die Drohne allemal. Und sie schießt - nur Bilder.

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Der breitschenklige Klassiker

Mittwoch, 6. August 2014 16:38

Der Berliner Fahrgast liebt es ja gerne etwas luftig. Wenn er sich denn schon mit einem Blitzstart in Tram oder S-Bahn hineinkatapultiert hat, ohne die anderen aussteigen zu lassen. Und wenn er seinen Fensterplatz ergattert hat, dann lässt er auch sogleich durchblicken, dass ihm keiner auf die Pelle rücken soll. Die Einkaufstüte oder das Fitnessstudioset werden stilvoll auf den Nebenplatz drapiert, damit auch niemand auf die Idee käme, sich setzen zu wollen. Man könnte doch demütig sein, dass man mitfahren darf.

Sollten es ältere Mitmenschen tatsächlich unbeschadet in die Bahn geschafft haben, dürfen sie froh sein, wenn ihre Hand einen der Haltegriffe in Reichweite zu fassen bekommt. Falls ein junger Mensch freundlich lächelnd mit der einladenden Geste einen Sitzplatz anbietet, ist es garantiert ein Spanier, eine Italienerin oder ein Engländer. Junge Deutsche bleiben auf jeden Fall hartnäckig sitzen, auch silikonnagelmanikürte Frauen und - Männer sowieso. Die sitzen meistens raumgereifend, selbst dann, wenn sie keinen Rucksack auf dem Nebenplatz abstellen müssen. Mitreisende Frauen wissen ja, Männer allen Alters brauchen etwas Luft zwischen ihren Schenkeln, damit sie keine Wundstellen bekommen.

Selbst in der übervollen Regionalbahn wird der männliche Freiraum hartnäckig gegen ein schmales sechsjähriges Mädchen verteidigt. Zugegeben, das Abteil für klappbares oder sperriges zwei- und vierrädriges Transport- und Rollgut hat seine eigenen Gesetze, doch für das schlanke Mädchen ist auf einem Klappsitz allemal Platz. Doch da sind zwei ausladende Männer vor, die gar nicht daran denken, den Sitzplatz freizugeben. Artig steht das Mädchen neben Mutter, Geschwisterchen im Kinderwagen und den Hightechbikes der Mitfahrenden, obwohl man ihm die Anstrengungen des Tages anmerkt. Von einer Frau auf den freien Platz zwischen den zwei Männern aufmerksam gemacht, folgt prompt die männliche Reaktion: Es sei doch wohl etwas eng hier! Der Klassiker! Eben.

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